| Jailbreak |
Die Geggen Gaggas |
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Sommer 2003: Dort angekommen, machte man sich erst mal eine Pulle Gerstensaft auf um sich den Mainstream-Frust von der Seele zu trinken. Doch anstatt von nun an nur noch Trübsal, Tuba oder Blockflöte zu blasen, funktionierten die drei ihre Zelle in einen Rock'n'Roll Proberaum um. Durch das ganze "Jail" dröhnte nun genau die Mugge, die den Stein der Verhaftung in's Rollen gebracht hatte. Doch eben genau das ist Anarchie. Die Jailwärter kollabierten bald an den melodisch-schnellen, deutsch-englischen, schräg-kritischen Songs. Natürlich waren das Verstöße gegen das Prinzip des Julimondstaates. So kam es wie es kommen musste: Die Bandbullerei kam in's "Jail" um für OHRdnung zu sorgen. Diese Angelegenheit wurde Markus L. eindeutig zu emotional – und er brach die Gitterstäbe entzwei und stieg aus der Band aus. Doch auch die schnauzbärtigen Beamten krepierten beim Anblick des Geschehens: Belämmert schweifte der Blick der Bandbullerei auf Käse. Was sie sahen, ließ sie schlichtweg erschaudern, denn der bärtige Gitarrist prügelt dermaßen in seine Klampfe, dass schon mal die Saiten reißen und das Blut in Strömen vom rechten Handgelenk, über den Gitarrenhals bis auf den Boden tropft.
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Das Leben nach dem Supergau: Ein 60 jähriger Mann, vom Beruf Gärtner, mit einem astrein rasierten Iro, rennt über eine Strasse, während er brüllt „immer geradeaus“. Eine höllisch erotische Lady beißt frohlockend in einen Kornspitz. Ein „The Who“ Fan will einen Kasten Bier, eine Flasche Wein und etwas Crack. Ein paar Ecken weiter fährt ein Altnazi mit seiner Kreidler, ein Raucher zittert vor Spielsucht, ein beleibter Müllfanatiker lebt im Wertstoffhof - vermutlich vom Supergau genetisch umstrukturierte Gestalten. Ein Vater – Sohn Duo, der eine mit einem unförmigen Bierbauch, der andere schon im Rentneralter und mit ausreichend Weinschorle im Blut, machen sich auf den Weg zum Gasthof, ja sie gehen „zur Resi“, wo es eine der letzten Pissrinnen Bayernweit gibt. Dort treffen sie auf allerlei weitere gruselige Geschöpfe, einen Mann, der, wäre er Politiker geworden, das Judenmahnmahl in Berlin eher bescheiden gehalten hätte. Sie treffen auf zwei Brüder – der eine zieht eine Briese aus seiner zamkehrten Werkstatt, der andere kippt Weizen. Ein Typ in der Blüte seines Lebens, der ganz spontan an den Baggersee fahren will, sitzt am Stammtisch. Doch dort sitzt er nicht allein.
Heute am Irischen Abend, sitzen noch Fünf Wirtshaushocker, die sich zusammengerafft haben, fünf Loskärtchen in einen Bottich geschmissen haben, um ihre zukünftigen Instrumente auszulosen. Zum ersten sitzt da der mächtige „Der wo in der Pissrinne schläft“. Der hat sich ganz groß „Fuck off“ auf den Arsch tätowieren lassen – spiegelverkehrt, zu Hause vorm Spiegel im Klo. Er ist der Motor der Band und ist durch seine unglaublich geschmeidige Spielweise der mit Abstand tighteste Drummer seit Dave Lombardo.
Direkt neben ihm sitzt ein sich gehen lassender Mann – stilgerecht im 80er Jahre Jogginganzug. Man nennt ihn „Der wo glänzt“. Er schwingt die Naturdarmseiten und hat durch sein selbstsicheres Auftreten, seine stylische Sonnenbrille und sein Goldkettchen auch die Frauenwelt fest im Griff. Gegenüber sitzt ein sehr molliger Mensch – nur in Unterhose, somit ähnelt er ein Bisschen einem Sumoringer. Da sitzt er, säuft Weizenbier und freut sich schon darauf, das nächste Mal seine Gitarre in die Hand zu nehmen, um zuckersüße Akkordfolgen und Hammerriffs runterzubrettern. Er ist „Der wo auf m Fahrrad schläft“.
Der vierte im Bunde, der Traum aller Schwiegermütter und seines Zeichens Sänger genehmigt sich erst mal eine Briese aus seiner „zamkehrten Werkstadt“. Der Orkan auf der Bühne, der wahre Enrique Iglesias, der König der Abendunterhaltung. Hier sitzt der beängstigende „Auspuff“. Dem ist wohl nichts mehr hinzuzufügen. Der studierte Rezensent oder Konzertveranstalter fragt sich nun zurecht: „Was soll der ganze Mist!?“ Lassen Sie mich dies kurz und knapp erläutern. Die Geggen Gaggas leben in keiner Metropole, wie Berlin, Hamburg, London oder Paris. Sie leben in einem simplen, ländlichen 6000-Seelen Örtchen, nämlich in Dinkelscherben-Punkrocktown. Alle Impressionen, alle Eindrücke die das alltägliche Leben in ihrer kleinen Welt bestimmen, werden verarbeitet und vertont. „Geh doch nach Berlin“, „geh doch zurück nach Hamburg“ – zugegeben es ist leichter über das zu singen was jeder kennt. Nur warum sollte man über Dinge singen, von denen man keine Ahnung hat? Das Gute liegt doch so nah.
Die Geggen Gaggas spielen mitsing – und tanzbaren, bürgernahen, avantgardistischen Punkrock. Punk im Allgemeinen steht für ausgeflippte Haarfrisuren und Kleidung. Die Geggen Gaggas bedienen diese Klischees – auch wenn die Haarfrisuren vergessen wurden. Punk im Allgemeinen ist gegen Staat, Polizei, Kirche und für Anarchie. Die Geggen Gaggas ist auch gegen alle oben genannte Attribute (einschließlich der Anarchie). Aber die Geggen Gaggas hassen noch viel mehr: Sie hassen Bäume, Tiere, jegliche Art von Menschen, Wurstsemmeln, Punkmusik, Wochenenden, karierte Hemden, Sex, Schnupftabak, Kommunikation und Fussball. Nur sie singen nicht davon (außer über Fussball – und auch Fusspils). Sie singen über das worüber sie sich hundertprozentig auskennen. Sie singen Lobpreisungen an Alkoholiker, komponieren Oden an Eckkneipen und Pissrinnen und politisieren höchstens in der Kommunalpolitik. Der Spruch „schlecht, dreckig, trotzdem gut“ passt also nicht mehr ganz. Denn was diese Band hier abliefert ist einfach nur noch beschissen. Contra Parolengedresche, pro Lebenserfahrung. Für eine ausgeklügelte Bühnenshow und gegen langweilende Virtuoseneinlagen. Pressetext:
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